Ella

Ella

Das Stimmengewirr der Kollegen machte sie schwindelig.

Oder doch der Tanz mit Mario, mit dem sie soeben noch durch den Saal geschwebt war?

Hastig trinkt Inga den Rest des Rotweines aus.

Hatte sie vielleicht zu viel getrunken?

Er war ihr ja schon des Öfteren aufgefallen, wenn er in das Büro der Personalstelle stürmte, als wäre er auf der Flucht, kurz an ihrem Schreibtisch vorbeihuschte,  ihr tief in die Augen schaute, um dann seine Angelegenheiten bei ihrem Chef zu erledigen. 

Und nun hatten sie zusammen getanzt.

Mario und sie.

Auf der jährlichen Weihnachtsfeier des Amtes.

Immer ein rauschendes Fest mit köstlichem Essen, und Alkohol, der in Strömen floss.

Nicht nur auf den Weihnachtsfeiern.

Hatte er sie nicht ein bisschen zu dicht an sich gezogen?

Der große schlanke Mario mit den tiefschwarzen Haaren und Augen so blau und kühl wie ein Bergsee.

Ihre Augen waren ineinander versunken.

Ihre Gefühle fuhren mit ihr Achterbahn.

Inga saß auf ihrem Stuhl und starrt vor sich hin.

Und schon steht Mario wieder vor ihr, wie aus dem Nichts, nimmt ihre Hand, und führt sie auf die Tanzfläche.

„ Lass uns hier verschwinden!“ flüsterte er ihr ins Ohr, während er sie noch fester an sich zog. 

„ Ich kenne ein Bar hier in der Nähe, wo wir uns unterhalten, und weiter tanzen können.“

Inga war wie in Trance.

Unter einem Vorwand verließen sie beide getrennt die Weihnachtsfeier, und trafen sich vor dem Amt auf der Straße wieder.

Es regnete in Strömen. 

Die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos tanzten in den Pfützen.

Mario legte ihr seinen Mantel um, sie überquerten schnell die Straße, und ehe sie sich versah, befanden sie sich in der kleinen Bar, die ihr am hellichten Tag  noch nie aufgefallen war.

Sie tranken und tanzten bis in die frühen Morgenstunden.

Inga wusste nicht, wie sie in ihr Bett gekommen war, als ihr kleiner Sohn sie morgens weckte.

Es duftete herrlich nach frisch aufgebrühtem Kaffee.

 Sie dachte an die Küsse von Mario, und sank fast ohnmächtig wieder in ihre Kissen zurück. 

Es war Samstag.

Später würde sie mit ihrer Familie wie immer zu ihrer Mutter fahren. 

In den nächsten Wochen kam Mario fast jeden Tag zu ihr ins Büro.

Sie tauschten unauffällig ein paar Phrasen aus.

Ihre Blicke sprachen Bände. 

Inga wurde krank. Sollte sie sich den Magen verdorben haben?

War sie etwa schwanger?

Das konnte doch nicht sein!

Und wer war dann der Vater!

Auch Mario fiel aus allen Wolken. 

Er würde gerne Vater ihres Kindes sein, behauptete er.

Seine Frau bekäme keine Kinder.

Nach jahrelangen Versuchen hätten sie es aufgegeben,  auf einen Kindersegen zu hoffen.

Wieder fuhren Ingas Gefühle mit ihr Achterbahn.

Nein, das Kind konnte unmöglich von Mario sein.

Oder doch?

Und.

Könnte sie ihren kleinen Sohn und seinen Vater für Mario und dieses Kind verlassen?

Nein niemals.

Es musste eine andere Lösung her.

Auch Mario wollte seine Frau, die er über alles liebte, nicht für Inga verlassen. 

Nachdem ihre Tochter geboren war, ließ Inga sich für Jahre beurlauben.

Sie besuchte ihre Kollegen oft im Amt.

Mario machte dann seine Mittagspause, und sie gingen zusammen mit der kleinen 

Ella an der nahe gelegenen Alster spazieren. 

Ella quietschte vor Freude, wenn Mario Steine ins Wasser warf, und die Wellen sich verschluckten. Die Sonnenstrahlen glitzerten wie kleine Sterne auf dem Wasser,

genau wie Ellas Augen, so blau und kühl wie ein Bergsee. 

( © Monika Zelle 08.03.2022 )

Die sprechende Puppe

Die sprechende Puppe

Der letzte Gedanke, bevor sie einschläft, gilt dem Frühstück, jedoch nur dem mit einem weichgekochten Ei und einem Brötchen mit guter Butter.

Denkt sie an Müsli, lässt der Schlaf auf sich warten.

Dann übermannt sie doch der Schlaf…..

Plötzlich…..

Eine sprechende Puppe liegt in ihrem Arm, die sie liebkost, herzt, und die halbe Nacht mit ihr über Dinge spricht, die ihm nie über die Lippen kommen würden.

Schlaftrunken sucht sie am Morgen die Puppe.

Er schmatzt bei seinem Müslifrühstück mit viel Joghurt.

Schlafen kann er immer gut. Egal, welches Frühstück ihn erwartet. 

Wieder ein Morgen ohne Worte.

Im Internet sucht sie nach sprechenden Puppen.

Aber können die ihr auch sagen, was ihre Puppe ihr in der Nacht zugeflüstert hat? 

Dann schaut sie nach kleinen Wohnungen, oder soll sie schon in eine Pflegeeinrichtung gehen?

Dann aber nur auf dem Land, möglichst auf einem Bauernhof, auf dem sie noch mithelfen kann bei den Tieren.

Ja das wäre fein.

So eine kleine Wohngruppe mit fünf Menschen, die noch etwas zu erzählen haben.

Vielleicht sogar politisieren können. 

Oder zusammen singen.

Das wäre super.

Sie summt vor sich hin.

Also keine sprechende Puppe.

Lieber doch ein Tinyhouse bei ihrer Tochter auf der Wiese?

Nein, zu dicht.

Niemand hätte Zeit.

Obwohl……

Ihre Enkelin plappert den lieben langen Tag.

Erst nach dem Einschlafen steht ihr Mund still.

Manchmal redet sie sogar noch im Schlaf.

Ihr Tag neigt sich dem Ende.

Keine drei Worte……

Aber morgen, morgen gibt es ein weich gekochtes Ei und Brötchen mit guter Butter.

Die Nacht ist gerettet……..

In dieser Nacht träumt sie vom Meer.

Sie schwimmt bis zum Horizont, lässt sich von den Wellen tragen.

Ihr Rauschen klingt wie Musik

Leise flüstern sie mit ihr.

Wie die sprechende Puppe…….

( © Monika Zelle  01.03.2022 )

Wir wollen tanzen, tanzen, tanzen….

Wir wollten tanzen, tanzen, nur noch tanzen……

Ausbrechen aus dem Alltagsgrau mit Windeln, Fläschchen und schlaflosen Nächten.

Meine Freundin Maria und ich tranken noch einen Dimpel  Whiskey, das Geschenk eines Geschäftsfreundes ihres Mannes. 

Dann ging es los auf die Reeperbahn, zum Tanzen, natürlich mit Erlaubnis unserer Ehemänner, die die Windeln und das Fläschchen übernahmen.

Das Bayrisch Zell, wie immer an einem Samstag Abend, brechend voll.

Die Telefone auf den Tischen klingelten heiß. 

Die Lämpchen gingen an und aus.

Besichtigung der Ställe nannten meine Freundin und ich dieses Tanzvergnügen.

Dann klingelte auch schon unser Telefon.

Zwei angenehme Stimmen forderten uns zum Tanzen auf.

Unsere Lämpchen blieben an.

Als die beiden Männer an unserem Tisch standen, errötete Maria bis unter die Haarwurzeln. 

Zwei überaus gutaussehende, sympathische, große, gut gewachsene Beaus in Kapitänsuniformen standen vor uns, und forderten uns mit einem perfekten Diener zum Tanzen auf. Eigentlich hielt ich nichts von Uniformierten, schon gar nicht von blonden blauäugigen. 

Dennoch  begann ich vor Aufregung an zu zittern. 

Mein Kapitän hatte zum Glück Augen so schwarz wie die Nacht.

Noch nie hatte ich mit einem Kapitän der Marine getanzt. 

Maria auch nicht. 

Die beiden Kapitäne waren Holländer, wie sich aus dem Gespräch auf der Tanzfläche herausstellte. 

Sie erzählten uns von ihren Frauen und Kindern zu Hause. 

Maria und ich von unseren Familien. 

Die beiden tanzten himmlisch. 

Eng umschlungen gaben wir uns der Musik hin, und wiegten uns im Takt. 

Dann spielte die Band auf der Bühne das Lied „ Love me Tender“ von Elvis. 

Maria und ich versanken nicht nur im siebenten Himmel, nein, wir versanken auch in den Armen unserer Kapitäne.

Ich glaube, wir wünschten uns beide, dass diese Nacht nie enden sollte.

Dann wurde es aber doch Zeit, nach Hause zu gehen.

Mit einer abermals perfekten Verbeugung brachten die beiden uns an unseren Tisch, und bestanden darauf, uns nach Hause zu bringen. Wir hatten es ja nicht weit, und sie wollten nicht zu spät auf ihr Schiff, das morgen schon den Hamburger Hafen wieder verlassen sollte. 

Sie brachten uns bis vor unsere Haustür. 

Wir umarmten uns noch einmal und verabschiedeten uns mit einem der leidenschaftlichsten Küsse, die wir je bekommen hatten. 

Noch tagelang, was soll ich sagen, wochenlang, vielleicht auch monatelang, nein jahrelang schwärmten Maria und ich von diesen beiden tollen Männern, deren Namen wir nicht einmal kannten. 

Wir sahen sie nie wieder. 

( © Monika Zelle 22.02.2022 )

Sonnenbrand

Sonnenbrand

Endlich.

Die Sonne scheint.

Ein warmer Tag.

Die Schwimmsachen sind schnell gepackt.

Mit der Fähre nach Finke.

Die kleine Tochter an der Hand.

Das Gedränge ist groß.

Plötzlich.

Jemand drängt sich ganz dicht an sie heran.

Was tun?

Sie erinnert sich an ihren Selbstverteidigungskurs.

„ Du dummes Schwein!“, Du Wichser!“, schreit sie so laut sie kann.

„ Mach das Du wegkommst!“

Die Menschenmenge schaut erschrocken.

Wie vom Donner gerührt.

Niemand tut etwas. 

Der Drängler verschwindet.

Die Kleine schaut ängstlich.

Jetzt schnell auf die Fähre.

Ans Oberdeck.

Der Fahrtwind kühlt die heiße Stirn.

Vor dem Schwimmbad wieder die Menschenmassen.

Diesmal kein Drängler.

Mutter und Tochter genießen das kühle Nass.

„ Mama!

Der Wichser, das  dumme Schwein!“

Sie traut ihren Augen nicht.

Nicht weit von ihnen entfernt.

Auf einem Handtuch. 

Geht Schwimmen.

Splitterfasernackt.

Seine Klamotten mit dem Handtuch abgedeckt.

„  Schnell raus hier!“, raunt sie der Kleinen zu.

Ihre Sachen und die des Dränglers schnell zusammen geklaubt.

Noch schneller zur Fähre.

Soll er doch sehen.

Die Flamme lodert hoch.

In der Tonne im Hinterhof.

( © Monika Zelle 15.02.2022 ) 

Länderklaun

Für meinen Onkel Ewald von 1945 – 1951 in russischer Kriegsgefangenschaft

Länderklaun

Ein Loch ins Eis haun

Um Wärme im Körper zu spüren

Sich nicht in der Kälte verlieren

Winter 1946

Die Luft ganz würzig

In Russlands ewigem Eis

Wer weiß

Sehen wir unsere Heimat jemals wieder

Singen unsere alt vertrauten Lieder

Muss an mein Kind denken

Kann ihm nichts zu Weihnachten schenken

Habe nicht einmal mein täglich Brot

Leide mit den anderen große Not

In diesem eiskalten Winter

Was steckt dahinter

Verbrechen bis in alle Ewigkeit

Es ist an der Zeit

Ihrer zu Gedenken

Nicht unsere Geister zu verrenken

Sühne zu tun

Nicht im Einerlei ausruhn

Wie besessen

Erinnern 

Nicht vergessen

( © Monika Zelle  23.12.2021 )

Finke

Finke

Die eiserne Rampe flog scheppernd und krachend gegen die Wand der Hafenfähre, als sie schwer atmend die Landungsbrücke erreichte.

„ Zurück bleiben bitte!“, hatte der Fährmann gerade eben noch durch das Mikrofon geschrien. Die Micheluhr zeigte 10.30h. Die Elfie war gerade aufgewacht. Auf der anderen Hafenbeckenseite lief das Werbelaufband „König der Löwen“. Die Trommeln klangen nach. Ein Kreuzfahrtschiff querte. Diesel entwich dem schwarzen Schornstein. Menschen hasteten  vorbei. „ Wollen Sie noch mit?“, rief ein Hafenrundfahrtskapitän mit seinem lauten Bass. Das Rad seines Dampfers schaufelte schon Wasser um. Krachend rammte die nächste Fähre an die Hafenmauer. Die Menschen bevölkerten sie.

Manche ins Warme, manche nach oben. Vorbei an der Skyline Hamburgs, am Fischmarkt, Docklands, dem Augustinum, letzte Station besser gestellter Senioren und Seniorinnen,  nach Neumühlen Museumshafen. Weiß prangten die Villen der Reichen über dem Elbufer. Wie gerne würde mancher in ihnen auf die Elbe schauen, um den vorbeifahrenden Schiffen zuzusehen.  Der Alte Schwede, auch gerade aufgewacht. Hunde jagten am Strand.  Frauchen oder Herrchen hinterher. Auf der anderen Elbseite Kräne, die wie Minarette gen Himmel schießen, fehlt nur noch der Singsang der Muezzedine.  Die Wellen des Flusses klatschen unaufhörlich gegen den Bug der Fähre, peitschten das Wasser hoch an die Fenster, das tränenreich an ihnen herunterlief. Ein kleines Kind schrie sich die Kehle aus dem Hals. Bubendeyufer. Erinnerung an eine pompöse Hochzeit im Kapitänshaus.  

Der Uhrturm von Finkenwerder zeigte 11.15h. Vorbei am Eismann, mit einer Tüte Straciatella entlang des Auedeichs mit seinen verwunschenen Häusern. Auedeich 14. Die Ruhe im Haus erschlug sie. Rechts das Gästebad, die Wohnküche mit einem einladenden großen Tisch und zwei Bänken, an denen sie in Gedanken ihren Sohn und viele Freunde sitzen sah. In der Ecke ein Sofa. gegenüber ein Klavier. Sie musste spielen, nur nach Gehör, Sehnsucht nach dem Unterricht, den sie nie erhalten hatte.  Im Garten tobten Kaninchen.  Die Äpfel des Baumes erstrahlten in der Sonne. Langsam erklomm sie die steilen Treppen, belegt mit buntem Teppichboden,  zuerst zum Schlafzimmer, nebenan wieder ein Bad,  dann hinauf ins Dachgeschoss zum Wohnzimmer, Regale überladen mit Büchern.  Der Besuch ihrer Enkelin und ihrer Tochter störte sie nicht. Love strahlte in goldenen Lettern auf dem roten T-Shirt des Kindes, so wie ihre grünen Augen. Kleine Arme schlangen sich um ihren Hals, ein feuchter Kuss der Lippen benetzte ihre Wange. Auch die Enkelin erspähte sofort das Klavier,  spielte nach Gehör. So musste Wolfgang Amadeus Mozart seine Stücke komponiert haben.  Wieder die steilen Treppen. Nach 5 Minuten perfektes Chaos oben im Wohnzimmer.  Spiele, Bücher Kniffelbecher, Würfel und Kissen lagen auf dem Boden verstreut, einladend zum Kaufmannsladen spielen. „ Was wünschen Sie?“, ertönte die helle Stimme ihrer Enkelin. Der Einkaufswagen war bald gefüllt. Das Buch „ Wie Vater seinem Kind die Liebe erklärte, lag obenauf. Ihre Enkelin nahm es und blätterte darin. Ihre langen blonden Locken bedeckten das Gesicht. Sie lächelte,  dann wieder der tierische Ernst. 

Schwer bog sich der von ihrer Tochter gedeckte Abendbrotstisch unter der Last der Köstlichkeiten, deren Gerüche unwiderstehlich waren. Gestikulierend dekorierte die Tochter in Gedanken die Wohnküche um, stellte den Tisch in die Ecke, das Klavier auf die andere Seite, das Sofa als Raumteiler mittendrin. Die Spielkarten der Phase 10 machten die Runde, das Gespräch über ein Wiedersehen auch. Die Tür fiel krachend ins Schloss. Laut startete der Motor. Eine kleine Hand winkte aus dem Fenster. Die Hupe schrillte. Schnell bog das Auto um die Ecke. Wieder umfing sie  Stille.  

( © Monika Zelle 05.10.2021)

Friedensgedicht

Friedensgedicht

Wird es in meinem restlichen Leben

Irgendwann mal Frieden geben?

Frieden auf der ganzen Welt

Wo nicht nur zählt das Geld?

Gleiches Recht für Alle

Und in jedem Falle

Keinen Hunger keine Armut

Für Jeden*Jede Geld und Gut

Die Waffen müssen schweigen

Wer macht sie sich zu Eigen

Mit all dem Kanonenfutter

Wo gibt es noch die Mutter

Die zu ihrem Kind sagt Nein!

Sie will nicht mehr Not und Pein

Wann wird sie es wagen

Vor aller Welt „ Nein“ zu sagen

Wir Mütter haben es in der Hand

Uns nicht drängen zu lassen an den Rand

Schon zu dem kleinen Kind zu sagen

Du sollst keine Waffen tragen

Um auf einen Freund zu schießen

Lasse lieber Blumen sprießen

Verteile sie in alle Winde

Und sage wieder zu dem Kinde

Frieden schaffen 

Ohne Waffen

Stell Dir vor es ist Krieg

Und keiner geht hin

Wird es dann weiter Kriege geben

In meinem restlichen Leben?

Ich wünsche es mir sehr

Zu leben ohne Heer

Ohne Soldaten und Soldatinnen die im Kriege sterben

Sich ihr ganzes Leben verderben

Mit abgeschossenen Gliedmaßen

Damit ist nicht zu spaßen

Mit verletzten Seelen

Sich ein Leben lang zu quälen

Denn sie wissen nicht was sie tun

Wenn sie für Andere ihr Leben lassen

Die in Saus und Braus ihr Geld verprassen

Da nützen dann auch keine Orden

Für das unsinnige Morden

Das eiserne Kreuz zu haben

Heilt nicht die tiefen Narben

Die sich graben in Körper und Seele

Womit der Mensch sich ewig quäle

Nie wieder Krieg das wäre schön

Kein Siegesgeheul kein Getön

Es ist nur eine Utopie

Frieden geben wird es nie

Oder doch vielleicht in meinem nächsten Leben

Wenn es ein nächstes Leben wird geben

Wo ist der allmächtige Gott

Ist er im Komplott

Mit dem Teufel

Der lindert keine Not?

Wie soll ich meinen inneren Frieden finden

Wenn sie draußen die Welt anzünden.

( © Monika Zelle  24.08.2021 )

Ich stehe an einer Weggabelung

Ich stehe an einer Weggabelung

Welchen Weg soll ich gehen, den nach links, den nach rechts?

Wie soll ich mich entscheiden.

Nach links? Alle Ängste, Sorgen, Nöte, all den Ballast abwerfen, sich von allem Unnötigen trennen, das sich im Laufe der Jahre angesammelt hat? 

Ich sitze vor meinem Laptop, schaue mir sehnsüchtig die Tinyhouses an der Elbe an.

Minimalistisch leben, dem Konsum ein Schnäppchen schlagen, das wärs doch.

Neue Menschen und Perspektiven kennenlernen. Immer an der frischen Luft. Lange Spaziergänge am Fluss, der sich gemächlich dahinschlängelt, oder auch mal wild ans Ufer schlägt, und es überflutet, wenn da noch Auen sind. Zurück zur Natur, in meine Kindheit, meine vagen Erinnerungen an meine ersten drei Jahre an der Elbe?

Oder auch nur ein einfacher Zirkuswagen mit einem Bollerofen für den Winter.

Ich muss an meinen Neffen Thomas denken, den ich schon Jahrzehnte wegen eines Familienstreits nicht gesehen habe. Was er wohl macht? Er hatte sich seinerzeit einen Zirkuswagen ausgebaut, eben mit so einem Bollerofen, und den Wagen wunderbar von Innen mit Holz ausgekleidet. Ein Bett, ein Tisch, einen Becher ein Teller, ob er ein Besteck hatte, weiß ich gar nicht, mit den Fingern essen kann auch ein Genuss sein. 

Genau so stelle ich mir den Weg nach links vor. Minimalistisch. In einem Tinyhouse, mit ganz wenig Klamotten, sich von vielem Trennen. Einfach wagen, diesen neuen Weg.

Autonom und nachhaltig leben, das war schon immer mein Traum. Was heißt hier Traum. Nachhaltig lebe ich schon seit über vierzig Jahren, kaufe Bio, regional und saisonal, habe kein Auto, obwohl ich Autos liebe, fahre aber nicht, obwohl ich einen Führerschein habe, spare Wasser, wo es geht, nur warm habe ich es gerne. Mein Vater hat sich nach dem Krieg Arbeit bei den Hamburger Gaswerken gesucht, nur damit wir es warm hatten. Essen war nicht so wichtig. Die Hungersnot war groß. Suche ich die Wärme, die Ruhe, und die Einfachheit, weil sie mir im jetzigen Leben fehlt? Die Kälte und Gefühllosigkeit mancher Menschen ist doch nicht mehr zu überbieten, zumindest den Alten gegenüber.

Lebe ich meinen Traum?

Oder gehe ich nach Rechts, verharre in der Ausweglosigkeit meines Daseins. 

In meinen vier Wänden auf der 2. Etage einer Mietskaserne in der Stadt, mit einem minimalistischen Balkon, auf dem fast nur eine Person sitzen kann.

Sitze fest mit einem Mann an der Seite, der zur Zeit leider nur auf dem Sofa sitzen kann, aber auch sonst nicht viel vom Leben erwartet?

Weiterhin fremd bestimmt sein, zusammen mit meinem Helfersyndrom? 

Mein Leben träumen? 

Was will ich mir beweisen? Noch einmal mutig sein? Auf eigenen Füßen stehen? Selbständig leben? In der Natur, die mir so viel zu bieten hat? 

Nicht mehr warten auf ein Zeichen von den Kindern, dem Enkelkind, Freunden, Bekannten, die nie oder fast nie Zeit für mich haben, oder sich kümmern.

Nein, das stimmt nicht, meine Tochter kümmert sich, meine Enkelin sehe ich auch dann und wann. Mit zwei Freundinnen telefoniere ich sehr oft. 

Loslassen lernen, dann könnte ich meinen Traum leben. 

Im Tinyhouse.

Das bräuchten die Kinder dann nur mit einem Trecker auf die Müllkippe zu ziehen, wenn ich nicht mehr lebe, das wäre schnell zu entsorgen, oder sie würden es als Spielehaus für die Kinder benutzen. Ja, das sollten sie tun.

( © Monika Zelle 17.08.2021 )

Kinderland

Kinderland

Mein Kinderland finde ich in meiner Erinnerung meistens auf unserem Heideland wieder, wo ich in meiner Kindheit sehr sehr glücklich war, wenn ich mit meinen Freundinnen und Freunden durch den Wald tobte, oder wir auf dem Land Fußball spielten.

Mein Vater hatte eine rege Fantasie, ließ sich immer neue Spiele für uns einfallen, und baute sie auch selber. 

Zum Beispiel eine Holzplatte mit Zahlen und Haken, über die wir Gummiringe warfen. Wer die Ringe über die höchsten Zahlen warf, und am Ende die meiste Punktzahl erreichte, hatte gewonnen. 

Wir liebten dieses Spiel.

Aber auch in der Gegenwart finde ich mein Kinderland wieder, nämlich wenn ich in die Welt meiner Enkelin eintauche. Mit Bibi und Tina, Paw Petrol, Schleichtiere spielen, oder Lady Bug verlieren wir uns in ihrem Zimmer, am Telefon oder mit Skype in die Welt der Fantasie.

Als ich bei ihrem Kindergeburtstag dabei war, durfte ich noch einmal wieder Kind sein, nur für einen Tag. 

Topf schlagen, Blinde Kuh, elektrischer Bonbon, im Swimmingpool plantschen,  ließ mich buchstäblich im Kinderland versinken. 

Ich war überglücklich.

Die Ausgelassenheit, die Offenheit, die Lebendigkeit und die Ehrlichkeit der Kinder überwältigten mich. Und als Lara zu mir sagte:

„ Du bist aber eine gelenkige Oma!“, konnte ich, wie schon seit langer Zeit nicht mehr, wieder einmal stolz auf mich sein.

Auch als ich vor vielen Jahren in einer Förderschule ehrenamtlich den schon etwas älteren Kindern Bücher vorlas, damit sie Lesen und Verstehen lernten, fühlte ich mich entrückt in eine andere Welt.

Kinderland ist abgebrannt.

Wie viele Kinder müssen Leid, Hunger und Tod durch Kriege und Umweltkatastrophen auf der Welt erfahren. 

Viel zu schnell „erwachsen“, aus ihrem Kinderland entführt.

Kinder an die Macht.

Sie würden wohl keine Kriege führen, und das Geld immer in den Vordergrund stellen.

Vielleicht würden sie sogar für mehr Gerechtigkeit sorgen, so dass die Schere zwischen Arm und Reich nicht immer weiter auseinander klafft.  

Mit Fridays for Future ist die junge Generation schon einmal auf einem guten Weg, ihre Welt zu retten.

Die Natur lässt sich nicht betrügen, wenn der letzte Baum gefällt und der letzte Fisch gefangen ist, werden die Menschen merken, dass sie ihr Geld nicht essen können.

Die Welt hat Geld wie Dreck, hat einmal Heiner Geissler gesagt.

Niemand auf ihr müsste hungern und frieren. 

Umverteilung tut Not. 

Also, worauf warten wir!!!

( © Monika Zelle  03.08.2021 )

Sommergefühle trotz allem

Sommergefühle trotz Allem…….

Oder ein Tag an der Ostsee……

Es war Kaiserwetter oder Bilderbuchwetter, aber was hat das Wetter mit einem Kaiser oder einem Bilderbuch zu tun.

Wir fuhren also zu viert, meine Tochter, meine sechsjährige Enkelin, mein Mann und ich, an die Ostsee. Trotz allem….. aber im Auto mit Maske. 

Auf der Fahrt las ich meiner Enkelin das Pixibuch „ Die Frau mit den Eiern“ vor.

In dem Buch geht es um eine Bäuerin mit ihren Hühnern, die immer mehr Eier will, immer mehr Tiere, einen schmucken Mann. Dann macht sie mit den Eiern einen Freudensprung, und zum Schluss heißt es:

„ Da fiel der Korb, da fiel der Traum, da war ihr Glück nur Brei und Schaum!“

Meine Enkelin Lea liebt dieses Buch.

Plötzlich rief sie: „ Das Wasser kommt!“ 

Auf dem Parkplatz waren noch massenhaft Parkplätze frei.

Wir nahmen unsere sieben Sachen aus dem Auto und gingen an den Strand.

Strahlend blau und ganz ruhig lag sie da, die Ostsee. Kleine glitzernde Sterne tanzten auf dem Wasser. Die Strandkörbe standen alle auf Abstand, 1,5 Meter. Allens no Vörschrift.

Wir mieteten zwei, und stellten sie etwas dichter zusammen. Familien dürfen das.

Selbstvergessen buddelte Lea im Sand.

Nullkommanichts hatte ich meinen Badeanzug an, lief mit großen Schritten zum Wasser, und warf mich in die Fluten. Was für ein Gefühl. Endlich wieder Schwimmen, und dann noch im Meer. Das Wasser streichelte meine Haut. Ich war im siebten Himmel. Ließ mich auf dem Rücken treiben, und schaute in die Wolken.

„ Siehst Du Papa, ich schwimme, tauche, und lasse mich treiben, ich bin glücklich, genau wie Du glücklich warst, wenn Du schwimmen konntest.“

„ Oma komm zurück!“, rief Lea, die inzwischen am Strand mit den Füßen im Wasser stand. „ Du treibst ab!“, sagt Mama.

Mit kräftigen Zügen schwamm ich zurück an den Strand, und musste mich tatsächlich ganz schön anstrengen, denn der aufkommende Wind trieb die Wellen hinaus auf das Meer.

Es gab Kaffee und Fischbrötchen, für Lea Limonade.

Der Spaziergang auf der Strandpromenade war gewöhnungsbedürftig. Menschenmengen drängten sich dicht an dicht. Abstand halten war nicht möglich. So trugen wir alle vier unsere Masken.

Die Geschäfte waren relativ leer. Lea wollte unbedingt so eine hübsche bunte Meerjungfrau haben. Ich kaufte sie ihr, und freute mich an ihrem glücklichen Lächeln.

Auch an einem Fahrgestell kamen wir nicht vorbei. Die Promenade ähnelte dem DOM.

Zurück bei unseren Strandkörben stürzte ich mich noch einmal in die Fluten. Ich konnte es nicht lassen. Das Wasser lockte zu sehr, obwohl es noch gar nicht so warm war.

Am späten Nachmittag gingen wir zu Gosch Fisch essen. Das war ein schwieriges Unterfangen, weil das Essen erst bestellt werden musste, dann sollten die Gäste warten,

also keine Bedienung am Tisch. Die Gäste warteten also im Stehen, wenn möglich mit Abstand, und natürlich mit Maske, wurden dann aber aufgefordert, sich an die Tische zu setzen. Der Fisch war sehr lecker, wie immer bei Gosch.

Ich musste an meine Mutter denken, sie hieß mit Geburtsnamen „ Gosch“, und meine Vorfahren stammten aus Schleswig, und waren ziemlich reich. Ob sie wohl von dem Gosch Clan abstammte?

Nach dem Essen machten wir noch einen kleinen Strandspaziergang, und lauschten dem Rauschen des Meeres. Kleine Wellen klatschten an den Strand.

Wir ließen das Wasser über unsere Füße plätschern, nur der Opa nicht. Er ging in Sandalen mit Socken an, mochte weder Sand noch Wasser an seinen Füßen.

Lea kreischte und juchzte.

Nun mussten wir auch bald den Heimweg antreten. 

Mit Lea an der Hand, ein letzter Blick zurück auf das Meer, verließen wir diesen schönen Ort, und einen herrlichen Sommertag am Strand, trotz Allem.

( © Monika Zelle 27.07.2021 )