Wieder einmal wandere ich durch das Tal meines Lebens, entlang am Büsenbach, hinauf zum Pferdekopf.
Das Grundstück, auf dem ich ein halbes Leben verbracht habe, darf ich nun nicht mehr betreten, doch am Wegesrand stehen, um meinen alten Kletterbaum zu besuchen, das bleibt mir unbenommen.
„Hallo mein Baum, da bist Du ja wieder, wie geht es Dir?
Älter bist Du geworden, aber Deine Äste sind noch genau so stark wie früher, und Deine Nadeln, welch eine Pracht, wie stolz sie Dich schützen und schmücken.
Es war eine gute Zeit mit Dir und mir, viele gemeinsame Stunden haben wir zusammen verbracht, in Freud und Leid.
Wie gern würde ich noch einmal in Deine Wipfel steigen, um die Welt aus Deiner Krone zu betrachten, um all meine Sorgen und Nöte aus Deiner Sicht zu sehen, meinen Rücken an Deinen von der Sonne erwärmten Stamm lehnen, die Augen schließen, um von der Liebe zu träumen.
Weißt Du noch, wie wir Mädels Herzen in Deinen Stamm geritzt haben, mit den Namen unserer Schwärmereien?
Du hast es ertragen, unter Tränen, die sich an Deinem Stamm festigten. Die Narben sind immer noch sichtbar.
Den Duft Deines Harzes vergesse ich nie.
Und weißt Du noch, wie alle Kinder der Siedlung hier mit meinem Vater Fußball gespielt haben? Du und Dein Vetter waren das Tor. Viele Bälle flogen zwischen Euch beiden hindurch.
Erinnerst Du dich noch, als ich aus Dir heraussprang, weil meine Mutter zum Mittagessen rief, ich mir den Fuß so verstauchte, dass ich Dich wochenlang weder besuchen, noch in Dir klettern konnte?
Ach, mein Baum, ich vermisse Dich so.
Gut, dass ich Dich noch berühren kann, weil Du so nah am Zaun stehst, der Zaun, der für mich jetzt unüberwindbar ist.
Bitte sei mir nicht böse, aber ich breche jetzt einen kleinen Ast mit Deinen schönen Kiefernnadeln von Dir ab, nehme ihn mit nach Hause, damit ich Dich immer sehen, riechen und spüren kann.
Ich verspreche Dir, Dich bald wieder zu besuchen, und vergiss mich nicht, auch wenn jetzt andere Kinder auf Dir herumtollen, Dich zum Lachen und zum Weinen bringen, ich werde Dich immer lieben, und Dich bis zu meinem letzten Atemzug besuchen, denn Du wirst mich noch lange überleben, es sei denn, Dein Holz wird zum Wärmen der Menschen benötigt.
„Tschüß mein Baum, bis bald.“
Ich winke meinem Baum noch ein letztes Mal zu, wandere schnellen Schrittes durch das Tal zur Bahnstation, um meinen Zug nicht zu verpassen.
(Monika Zelle © 23.11.2011)