Was ich schon immer wusste

Was ich schon immer wusste

Was ich schon immer wusste ist, dass ich später einmal unbedingt 6 Kinder haben wollte. Was ich nicht wusste war, dass das kein Sonntagsspaziergang wird.  Mein Dilemma war, dass ich nie einen Mann kennen lernte, der gerne Kinder mit mir gehabt hätte. Am Ende sind es zwei wunderbare Kinder geworden, mit einem Mann, dem es egal war, ob er Kinder hat, oder nicht, und wenn ich wollte, dass er etwa mit Ihnen spielte, sagte er immer:“ Du wolltest die Kinder!“

Wenn ich als Kind in einen Kinderwagen schaute, wo ein Baby drin lag, fing es unweigerlich an zu weinen. Wahrscheinlich lag es an meinem bösen Blick, den man mir nachsagte, der mir aber in dem Moment überhaupt nicht bewusst war.

Auf keinen Fall aber wollte ich so früh Kinder bekommen wie mein Bruder.

Erst einmal das Leben genießen, Männer kennen lernen, Erfahrungen machen, um nicht die Katze im Sack zu kaufen. 

Als ich 16 Jahre alt war, fuhr ich meine kleine Cousine in der Heide in ihrer Karre spazieren, und ließ sie Schafsköddel essen, weil ich gehört hatte, dass kleine Kinder alles probieren und ausprobieren sollen. Später hat diese Cousine dafür gesorgt, dass mein Bruder unser Heideland an ihre Freundin verkaufte. Aber das nur so nebenbei.

Ich liebe Kinder über alles, sowie ich sie sehe, wird mir warm ums Herz.

Kinder muss man fördern, das wusste ich schon ganz früh, und habe es auch bei meinen beiden Kindern ausgiebig getan, was sich als überaus erfolgreich erwies.  

Jahrelang habe ich Kindern in einer Förderschule ehrenamtlich Geschichten vorgelesen. Sie konnten leider mit 10 Jahren noch nicht richtig lesen und verstehen.

Wenn sie Geburtstag hatten, schenkte ich ihnen ein Buch. Das glückliche Strahlen in ihren Augen vergesse ich nie. Ein Junge aus einer Romafamilie in meiner Nachbarschaft ging auch in diese Schule. Er kam dann nachmittags zu mir zum Lesen üben. Wir beide hatten eine gute Zeit. Heute ist er 30 Jahre alt, und hat eine Friseurlehre absolviert.

Ich bin stolz auf ihn, und wenn wir uns treffen, hat er immer ein gutes Wort für mich.

Heute habe ich eine kleine Enkelin. Inzwischen ist sie 8 Jahre alt.

Wie viele Kinderbücher mag ich ihr wohl vorgelesen haben? Unzählige.

Heute kann sie selbst lesen. Mein Slogan für sie heißt: „ Lesen bildet!“

Wie viele Lieder habe ich ihr wohl vorgesungen, weil Musik Balsam für die Seele ist.

Heute liebt sie Rollenspiele wie Leo und Tigres, Lena und Sarah mit Lina und Annabell,  Bibi und Tina oder Superhelden, meistens am Telefon, oft stundenlang. Wir vergessen einfach die Zeit.  Ihre Woche ist doch ziemlich ausgefüllt, seit sie in die Schule geht, Geige Spielt und tanzt. 

Gerne würde ich Kindern in Schulen oder Kitas wieder vorlesen, aber seit Corona bin ich vorsichtig geworden. Auch für meine Nachbarskinder wäre ich gerne da, aber wie gesagt. 

Kinder werden immer meine große Leidenschaft sein, und ich hoffe, dass ich sie, und auch meine Enkelin noch lange lange erleben darf. 

Ich hoffe nur für die Kinder dieser Welt, dass die Politiker * Politikerinnen, die Eltern,  und überhaupt alle Menschen dieser Erde es mit kleinen Schritten hinbekommen für sie eine lebenswertere Welt zu gestalten. 

Da fällt mir noch das Lied von Su Kramer ein. „ Kinder der Liebe sind wir alle auf der Welt.“ 

„ Kinder der Liebe sind wir alle auf der Welt.“ 

( © Monika Zelle  02. August 2022 )

Erlebnis im öffentlichen Nahverkehr

Erlebnis im öffentlichen Nahverkehr

Als unsere Enkelin noch in die Kita ging, holten wir sie einmal in der Woche von dort ab.

Zuerst ging es mit dem Bus zum Harburger Bahnhof,  weiter mit der S-Bahn bis Landungsbrücken.

Dann war es eines Tages wieder so weit. Die S-Bahn von Harburg in Richtung Innenstadt fuhr nicht, wegen Gleisbauarbeiten.

Nun hieß es rüber laufen zum Fernbahnhof und in den Metronom, der wie immer in der Zweiten Klasse völlig überfüllt war. Ja, es gibt noch die 1. Und die 2. Klasse im Metronom.

Wir begaben uns wie so oft einfach in die 1. Klasse, weil wir uns das Gedrängel in der 2. Klasse nicht zumuten wollten.

In dem Wagen der 1. Klasse saßen nur 2 weitere Personen. Na Bitte.

Eigentlich ein Unding, wie ich fand. 

Kontrolliert wurde von Harburg bis Hauptbahnhof ohnehin nicht mehr. War ja nur eine Station.

Aber einmal hatten wir uns in den Finger geschnitten. Die Zugbegleiterin im Metronom kam zum kontrollieren. Unsere Enkelin war ja noch so klein, dass sie keine Fahrkarte brauchte. 

Ich zeigte der Schaffnerin meine normale Seniorenkarte vor. Im Jahresabonnement kostete sie monatlich damals auch schon 43 Euro. Ist ja kein Pappenstiel.

Die Schaffnerin sagte zu mir: „ Sie befinden sich hier in der 1. Klasse des Metronom, und hätten eine Fahrkarte mit dem Zuschlag lösen müssen!“

Ich fiel aus allen Wolken.

Dann kontrollierte sie meinen Mann.

Wie von Zauberhand hatte er eine Fahrkarte mit dem Zuschlag in der Hand.

Entgeistert schaute ich ihn an.

Die Schaffnerin kontrollierte die Karte und meinte zu mir:“ Sehen Sie, ihr Mann wusste Bescheid, er hat die erforderliche Fahrkarte für die erste Klasse gelöst.“

Ich nickte beschämt.

„ Na ja“, meinte die Zugbegleiterin, „ Diesmal will ich noch ein Auge zudrücken, aber beim nächsten mal lösen sie bitte den Zuschlag, wenn sie in der ersten Klasse sitzen wollen!“

Ich nickte wieder.

Als die Schaffnerin weiter gegangen war, um die anderen Fahrgäste zu kontrollieren,

grinste mein Mann, und zeigte mir seine Fahrkarte.

Das Datum darauf wies nicht den damaligen Tag aus. .

Grau fahren sagt der Volksmund dazu.

Wir sind nie wieder in der 1. Klasse grau gefahren, das war uns dann doch zu peinlich.

( © Monika Zelle   14. Juli 2022 )

Federn lassen

Federn lassen

Lina wälzt sich in ihrem Bett hin und her. 

An Schlaf, nicht zu denken.

Der Berg, der sich vor ihr auftürmt, ist nicht mehr zu erklimmen.

Sie denkt an früher. 

An die goldenen 1970iger oder auch zum Teil noch 1980iger Jahre.

Als sie eine Familie gegründet hat. 

Ja,  da musste sie auch den Pfennig in der Hand umdrehen, genau wie ihre Eltern  nach dem unseligen Krieg.

Und jetzt? Es ist wieder Krieg in Europa.

Schon als Lina in den Ruhestand trat, musste sie Federn lassen.

Nach 50 Jahren Arbeit.

Kein Auto mehr, keine kulturellen Veranstaltungen, keine Restaurantbesuche.

Und dann kam Corona. 

Die sportlichen Aktivitäten fielen buchstäblich ins Wasser.

Kein Schwimmen gehen, keine Muckibude mehr.

Sie saß zu Hause, machte immer nur Pause. Zwangsläufig.

Die Decke fiel ihr auf den Kopf

Nur Einkaufen und Spazieren gehen war erlaubt.

Sie kannte die Wege schon in und auswendig, die sie jeden Tag lief.

Und jetzt? Corona ist nicht vorbei, obwohl die Menschen so tun.

Alles wird teurer.

Wenn Lina an ihre Betriebskostennachzahlung denkt, wird ihr angst und bange.

Und dann demzufolge die Mieterhöhung.

Der Angstschweiß kriecht auf ihre Stirn.

Sofort hat sie die Heizung auf Null gedreht, obwohl es draußen noch kalt war.

Im Waschbecken sammelt sie das Wasser, um sich mehrere Male die Hände darin zu waschen. 

Wie früher, auf ihrem Heideland. Da hatten sie auch mit Wasser sparen müssen, weil sie es mühsam, wie der Hummel, von der zwei Kilometer weit entfernten Quelle heranschleppen mussten. Duschen? Nur einmal in der Woche.

Gewiss, wenn Lina kein Auto fährt, Heizung und Wasser spart, dann hat sie einen guten biologischen Fußabdruck. 

Wenn sie den Gürtel enger schnallt, kann sie auch sparen.

Aber was hat man dann noch, wenn man nicht mal mehr lecker essen kann, denkt Lina.

Jetzt kann sie erst recht nicht mehr einschlafen.

Auch der Krieg in Europa macht ihr zu schaffen.

Ist denn wirklich Corona und Putins Krieg an ihrer Misere Schuld?

Na ja, das Geld wird ja schon seit Jahren immer weniger wert.

Da war die Wende, dann kam der Teuro.

Aber jetzt? Die Inflation galoppiert voran wie ein Rennpferd beim Derby.

Und das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange.

Wird sie im nächsten Winter frieren müssen, weil Putin den Gashahn zugedreht hat?

Oder einfach nur, um Heizkosten zu sparen?

Oder ist Europa dann schon in Schutt und Asche gefallen?

Lina kann auch nicht mehr zu ihrer Datsche. Da hätte sie wenigstens einen Kohleofen und könnte Kartoffeln anbauen.

Soll sie sich einen Nebenjob suchen? In ihrem Alter?

Was, wenn sie die Miete nicht mehr bezahlen kann.

Das war schon immer ihre Angst, wie eine Obdachlose auf der Straße leben zu müssen, und nur das zu haben, was sie auf dem Leib trägt.

Es wird hell draußen.

Die Sirenen, die sie jede Nacht zu hören glaubt, haben nicht geheult.

Mir fallen noch keine Bomben auf den Kopf denkt sie.

Und während Lina sich nach einem kleinen Urlaub am Meer sehnt, fällt sie dann doch noch in einen unruhigen Schlaf . 

( © Monika Zelle 16.06.2022 )

Leidenschaft und Passion

Leidenschaft oder Passion

Und jetzt?……..

Sie ist fast verstummt, kann nicht mehr singen.

Das Leben hat sie das Schweigen gelehrt.

Manchmal hört sie an einem Tag höchstens zehn Worte. Gezählt hat sie sie noch nicht. Noch nicht.

Das einzige Highlight sind die Telefonate mit ihren beiden Freundinnen.

Da kommt Leben in ihr Leben.

Oder wenn sie mit ihrer Enkelin am Telefon Rollenspiele spielt. Hexe Lilli, Tigres und Leo, Lena und Sarah mit ihren Schwestern Annabell und Lina, oder auch Superhelden, da sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt, und das Reden ist garantiert. 

Ja, Kinder, die liebt sie, vor allem natürlich ihre Enkelin.

Sie hatte sich immer viele Kinder gewünscht, hätte vor der Geburt ihres ersten Kindes nie gedacht, mit wie viel Anstrengung es verbunden ist, ein Kind auf die Welt zu bringen, und es groß zu ziehen. Na ja, wie auch……

Familie, Arbeit, Zeitnot,Küche, Kinder, Computer, die langjährige Pflege der Mutter.

Ja, eigentlich hat sie ein Familienunternehmen geleitet, wofür sie aber bei weitem nicht entlohnt wurde. 

Musik, Tanz, Schwimmen, Gedichte schreiben, Reisen, das Singen im Chor ist völlig ins Hintertreffen geraten, und natürlich das Lesen…… einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen.

Sie hat funktioniert, immer nur funktioniert. 

50 Jahre Tretmühle. Fremd bestimmt sein. 

Kleine Reisen, ja. Leidenschaftslos, alles leidenschaftslos. Das Schweigen im Walde……

Hätte sie ein anderes Leben haben können? Ja, ihr fehlte nur die Kraft und der Mut.

Als sie dann endlich ich den wohlverdienten Ruhestand gegangen ist, hat sie das Geschichten schreiben für sich entdeckt, und das war ihr großes Glück.

In Ihren Geschichten findet sie sich und ihr Leben wieder. Nur dort kann sie aufblühen und ihr Schweigen brechen 

In den ersten Monaten der Pandemie hat sie jede Menge Haikus geschrieben.

Haikus, die ihre Gedanken und Gefühle zum Ausdruck brachten.

Und dann ist da noch das Tagebuch für ihre innig geliebte Enkelin. 

Das Vermächtnis ihrer gemeinsam erlebten Zeit.

Ja, die Schreiberei ist zu ihrer liebsten Passion geworden. In ihr kann ihr niemand den Mund verbieten.

Wie gern würde sie wieder mit dem Singen anfangen, aber ihre Stimme ist mit dem Alter gebrochen. 

Dabei wurde in ihrer Familie den lieben langen Tag gesungen und geredet.

Ja, und nicht zu vergessen, das Schwimmen, was auch in ihrer Familie ganz groß geschrieben wurde. Alle waren im Schwimmverein, und ihr geliebter Vater hat vielen Kindern das Schwimmen beigebracht. Ehrenamtlich…….

Nach einer langwierigen Schultererkrankung ist sie nach der Arbeit jeden Tag zum Schwimmen gegangen, und hat das jahrelang fort gesetzt, bis…. ja bis Corona kam.

Da war es aus mit der Schwimmerei, und bis jetzt hat sie sich noch nicht getraut, wieder ins Schwimmbad zu gehen. Hinzu kommt der Fachkräftemangel. Viele Schwimmbäder sind geschlossen. 

Ach ja, da sind ja noch ihre vielen Liebhaber, die sie sehr leidenschaftlich geliebt hat, und von denen sie oft schmerzlich enttäuscht wurde, vielleicht, weil ihre Liebe zu stark war? Oder weil sie ihre Eifersucht nicht im Zaum halten konnte?

Dazu gibt es einen trefflichen Spruch:

„ Eifersucht ist Leidenschaft, die Eifer sucht und Leiden schafft!“

Und heute?

Sie lässt sich ihr Leben immer noch fremd bestimmen. Fühlt sich verantwortlich.

Nimmt ihr Leben nicht in ihre Hände.

Krankheit frisst ihren Alltag auf. 

Sie lebt tatsächlich nur noch in ihren Geschichten.

Heute sind ihre Gedanken ihre einzige Leidenschaft.

Sie fühlt sich wie ein Vogel im Käfig, der das Fliegen verlernt hat, oder es nie konnte?

 ( © Monika Zelle 05.06.2022)

Die Frau

Die Frau, die auf den Mond wartet, um die Sterne vom Himmel zu holen.

Ein Bauer verkauft auf dem Markt Apfelsinen. 20 Apfelsinen kosten 10 DM.

Was kosten 4 Apfelsinen?

Eine schier unlösbare Aufgabe für mich.

Die Ruhe vor dem Sturm.

Jeden Tag um die gleiche Zeit fährt der Staubsauger mit meiner Mutter durch die Wohnung.

Ich brüte über den Rechenaufgaben, spüre ihren Atem im Nacken, eiskalte, stahlblaue Augen auf dem Heft.

Erklärungen, Aufklärungen, nichts fruchtet.

Sie setzt sich mir gegenüber, die tiefe Zornesfalte auf ihrer Stirn entgeht mir nicht.

Meine zitternde Hand übersieht sie.

Ein Tintenfleck macht sich aus dem Füller in meiner linken Hand auf dem Papier breit.

Meine Mutter reißt an dem Heft und der Seite.

Alles beginnt von vorn.

Tiraden von Wünschen, Vorstellungen, Bedingungen und

„ Dir soll es doch später einmal besser gehen“ und

„ Sieh doch was aus Deinem Vater geworden ist, der kann auch nicht rechnen“.

Ich spüre in mich hinein.

Warm fließt das Blut.

Bauchtanzübungen auf dem Stuhl, ein unbekanntes Gefühl macht sich breit, kommt in Wellen.

Ich fliege, fliege aus dem Fenster, weiter immer weiter, höher immer höher, über den Wolken, die mich tragen bis auf den Mond.

Kälte umfängt mich.

Der Mond will mich nicht.

Ich falle, falle tief, liege auf dem Boden, der Stuhl neben mir nur noch dreibeinig.

Fäuste fliegen mir entgegen.

Das Gesicht meiner Mutter nur noch Augen, getrieben von ihrem Ehrgeiz, sich meiner Gefühle bemächtigend, um meine Gefühle mit Füßen zu treten, in einer Welt, die ihr niemand zu Füßen legen wird.

Gepeinigt, wie eine geprügelte Hündin liege ich auf dem Boden und heule.

Meine Seele brennt.

Meine Mutter schleift mich in mein Zimmer, legt mich aufs Bett.

Der Schlüssel dreht sich im Schloss.

Sie hat vergessen, die Gardinen zuzuziehen.

Das Mondgesicht hat eine Wolke verschluckt.

Ich schlafe ein, und träume von dem Mond, der meiner Mutter die Sterne vom Himmel holt.

( © Monika Zelle  14.03.2022 )

Der blonde Chilene

Aufgeregt kippelte sie auf ihrem Stuhl im Musikraum hin und her. Die strengen Blicke ihres Lehrers entgingen ihr nicht.

Gleich würde die amerikanische Square Dance Music erklingen.

Auch ihre Mitschüler blickten nervös in die Runde, und auf ihren Lehrer.

Sie schaute auf den Neuen. 

Peter, ein kleiner Junge, untersetzte Figur, blondes Haar, blaue Augen, vielleicht etwas älter als die Übrigen ihrer Klasse.

Aus Chile war er gekommen, mit seinen Eltern.

Sie sah zu ihm rüber. Ihre Blicke trafen sich. Ob er sie wohl auffordern würde?

Die Musik fing an zu spielen. Die Jungen rannten wild durcheinander, um ihre Auserwählte zum Tanz zu bitten.

Bernd forderte sie auf. Ihre Enttäuschung sprach Bände.

Aber das würde sich schnell ändern, denn bei diesem Tanz wechselten die Partner ständig. Gleich würde Peter dran sein. Ihr Herz begann wie wild zu schlagen.

Er nahm sie wie selbstverständlich bei der Hand und tanzte mit ihr zum Takt der Musik durch den Raum. Sie schwebte, fühlte sich wie im siebten Himmel. Alles in ihr war in Aufruhr. Er hatte Rhythmus im Blut, der blonde Chilene, das merkte sie sofort. Die anderen Jungen in der Klasse sah sie gar nicht mehr. Sie fieberte nur noch dem Moment mit Peter entgegen, und achtete eifersüchtig darauf, wie er mit den anderen Mädchen tanzte.

Als sie nach Schulschluss die Treppe hinunter rannte, stand Peter vor dem Schultor.

Wartete er auf sie? Er kam auf sie zu und sagte etwas auf Spanisch.

Mit großen Augen schaute sie ihn an. „ Where is your home?“ Das verstand sie.

Mutig nahm sie seine Hand, und führte ihn durch die Vogesenstraße bis vor ihre Haustür. Sie hatte es nicht weit. Nur ein paar Schritte.

„ Ah, ok!“, meinte Peter.

Jetzt nahm er sie an die Hand. „ Now  i show you, where is my home!“

Hand in Hand schlenderten sie durch den Torweg in die Gebweiler Straße.

Er hielt ihr die Tür zum Treppenhaus auf. Was hatte er vor. Sollte sie mit ihm hinein gehen? Diesen Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, hatte Peter sie schon in den Treppenhausflur gezogen, sie fest in den Arm genommen und einfach geküsst. Sie fand es schön.

Er erzählte ihr von seinen Eltern, die vor vielen Jahren Deutschland verlassen hatten, um in Chile ein neues Leben zu beginnen, ihr Heimweh in ihre Heimat dann aber übermächtig wurde. Warum sie Deutschland verlassen hatten, wusste Peter nicht.

Von nun an holte er sie jeden Tag von zu Hause ab, sie gingen gemeinsam in die Schule, und er begleitete sie auch wieder nach Hause. 

Manchmal kam es vor, dass sie ihn nach Hause brachte. 

Als sie eines Tages in ihr Klassenzimmer kam, bemerkte sie, dass Peters Stuhl leer war. Noch dachte sie sich nichts dabei, weil er öfters mal zu spät zum Unterricht kam, das nahm er nicht so genau, der blonde Chilene.

Als er jedoch nach ein paar Tagen immer noch nicht in der Schule erschien, machte sie sich Sorgen. Sollte sie in die Gebweiler Straße gehen und klingeln?

Gesagt getan. Als sie vor der Haustür ankam, standen alte Möbel auf dem Gehweg. Sie rannte die Treppen zu Peters Wohnung hinauf. Die Tür war nur angelehnt. Sie öffnete sie einen Spalt breit. Was sie da sah, zerriss ihr das Herz.

Die Wohnung, leer. 

( © Monika Zelle 26.04.2022 )  

Georges du Tarn

Gorges du Tarn

Und der Vater blickte stumm……

Sie saßen am Tisch in ihrer Remise beim Mittagessen. Der Vater, die Mutter, die Schwester und der 6 jährige Tim.

Es waren die letzten Ferien für Tim in Südfrankreich im Gorges du Tarn, bevor er in die Schule kam. Sein Vater hatte dort ein Grundstück gepachtet.

Tim saß da, als ob er einen Stock verschluckt hatte, und schaute ängstlich auf den Vater.

„ Was ist!“, polterte der.

„ Ich möchte an den Fluss, baden!“, flüsterte Tim.

„ Ja geh doch, aber in einer halben Stunde bist Du zurück, dann hilfst du mir mit den Steinen!“

Schnell verließ Tim die kleine Küche, packte seine Badehose ein, und lief an den Fluss.

Wild rauschend tobte der Tarn durch die hohen Schluchten um sich hier in Le Bourg in einem kleine See zu verfangen. 

Das Wasser war eiskalt. Dennoch schwamm Tim eine ganze Weile in dem See herum, und genoss das kühle Nass. Es war warm, sehr warm draußen, an die 40 °.

Die Menschen ächzten in der Hitze.

Sie saßen in dem Cafe des kleinen Ortes, aßen Eis, tranken Wein oder kaltes erfrischendes Wasser. 

Immer wieder sprang Tim in den See, um von einem Ende ans Andere zu schwimmen, tauchte dann und wann unter, um dann wieder prustend aufzutauchen, und sich das Wasser aus den Haaren zu schütteln.

Langsam trottete er zu seinem Handtuch, legte sich darauf.  Der betörende Duft der Mimosen berauschte seine Sinne. Er schlief ein. Nach Ewigkeiten wachte er auf und erschrak zutiefst. 

Wie der Wind lief er zu dem Grundstück. Sein Vater stand schon am Zaun und hielt Ausschau. Wahrscheinlich nach ihm.

Schnell lief Tim an ihm vorbei, zu seiner Mutter in die Remise.

Schon stand sein Vater hinter ihm, die Luftpumpe in der rechten Hand.

Seine Schreie verhallten in den Schluchten des Tarn.

Jetzt musste er wieder 14 Tage lange Hosen tragen, und das bei der Affenhitze

Als Tim eines Tages an dem Cafe vorbeilief, um in der Boulangerie ein Pain zu kaufen,

winkte ihn ein älterer Mann zu sich, forderte ihn auf, neben ihm Platz zu nehmen, und lud ihn zu einem Eis ein. Lange unterhielt er sich mit dem Jungen.

Als er mit dem Pain nach Hause kam, war sein Vater zum Glück nicht anwesend.

Seine Schwester schaute hämisch.

Kurz bevor die Familie ihre Heimreise antreten wollte, saßen sie beim Abendbrot und besprachen die Route. Meistens fuhren sie gegen 24h in Le Bourg ab, weil in der Nacht nicht so viel Verkehr auf den Straßen war.

Die Kinder sollten ein paar Stunden vorschlafen, während die Eltern ihre sieben Sachen in den Peugeot 404 packten. 

Als die Mutter die Kinder wecken wollte, war Tims Bett leer.

Ohne auch nur einen Gedanken an ihn zu verschwenden traten sie die Heimreise an.

( © Monika Zelle 26.04.2022 )

Hannelores Vater

Hannelores Vater

Ich sehe es noch wie heute vor mir.

Das Baumhaus auf unserem Land.

Mein Großvater hatte es seinerzeit für uns Kinder gebaut.

Hannelore, Silke, mein Bruder Stefan und ich saßen auf dem Baumhaus, und schauten zu, wie Hannelores Vater eine Abwassergrube aushob.

Plötzlich hörten wir hinter uns ein leises Rascheln.

Mein Bruder hob das lose Brett hoch, und was er dort sah, wollte er glaube ich lieber nicht sehen.

Wie von einer Tarantel gestochen sprang mein Bruder von dem Baumhaus hinunter auf den weichen Waldboden, und rannte zu unseren Eltern.

Seelenruhig schaute ich auf das schlangenartige Gebilde.

Gerade als ich es berühren wollte, kam mein Vater und Hannelores Vater angerannt, um uns drei Mädels von dem Baumhaus zu heben. 

Hannelores Vater stach dann wie wild auf die Schlangen ein, so dass die Eingeweide an den Hals von Hannelores Mutter spritzte, die schreiend davon lief.

Später, als mir dann erzählt wurde, um welche Art von Schlangen es sich hier gehandelt hatte, schreckte ich noch oft von Alpträumen geplagt, aus dem Schlaf.

Noch später ärgerte es mich, dass Hannelores Vater sie einfach getötet hatte.

Kreuzottern stehen nämlich unter besonderem Artenschutz.

( © Monika Zelle 29.03.2022 )

Bahnhof Holm-Seppensen

Bahnhof Holm-Seppensen

Ruhig liegt er da, der Bahnhof, wie vor 70 Jahren. Die Bank für die Fahrgäste wurde inzwischen wohl erneuert. Die Heidebahn auch schon 40 Jahre alt, ein Oldtimer.

Hier auf der Bank habe ich oft mit meiner Tante Gertrud gesessen, wenn wir auf den Triebwagen nach Hamburg warteten.

Im Kolonialwarenladen Lorenz haben wir uns warme Brötchen, Butter und Leberwurst gekauft, ein Kartoffelschälmesser hatte Tante Gertrud immer dabei“, sagte Lina Carstensen zu ihren Freundinnen Margrit und Ingrid.

„ Aber das ist es eigentlich gar nicht, was ich Euch erzählen wollte! Aber lasst uns erst Mal zum Land wandern.

Zuerst liefen sie den Meyerschen Weg hinunter. 

„ Hier standen früher nur wenige kleine Wochenendhäuschen, die Straße war nicht asphaltiert, eine Bushaltestelle oder eine Ampel gab es schon gar nicht!“, sagte Lina Carstensen.

Dann erreichten sie die Anhöhe nach einer Weggabelung.

„ Lasst uns hier eine kleine Trinkpause machen, wir haben noch zwei Kilometer vor uns.“, meinte Margrit, als sie auf die Karten App ihres Smart Phones schaute.

Sie setzten sich ins Zittergrass, und schauten in die Wipfel der hohen Kiefern, die sich leicht im Wind bogen.

Lina Carstensen legte sich auf den weichen Waldboden und blinzelte in die Sonne.

Sie lag wieder auf ihrem Land im Zittergrass. Neben ihr saß ihr Papa, und bastelte an einem Flugzeug aus Holz. Eine große Ruhe breitete sich in ihr aus. Die Wärme der Sonne durchströmte ihren Körper.

„ Lina, komm wir wollen endlich weiter gehen!“, riefen die Freundinnen.

Der Weg, von Baumwurzeln übersät, schlängelte sich durch den Wald, und wollte nicht enden.

„ Hier sind meine Cousine und ich auf unseren Fahrrädern ins Dorf runtergesaust zum Einkaufen. Wir kannten jede Baumwurzel, die es zu umfahren galt.“

Plötzlich sahen die Drei auf dem Weg große Suhlen.

„ Hier können Wildschweine unterwegs sein!“, meinte Ingrid.

„ Wolfsrudel sind hier auch angekommen“, sagte Lina Carstensen, „die gab es hier früher nicht!“

Mit großen dicken Stöckern bewaffnet, gingen sie weiter auf dem Weg bis zur Kurve, wo endlich das erste Haus der Siedlung am Pferdekopf auftauchte. 

Das Land lag dunkel, völlig verwildert, von der Natur zurück erobert, da.

Die Hütten verfallen, von Tieren bewohnt.

Lina Carstensen weinte.

„ Lass uns schnell weiter wandern, ich ertrage es hier nicht. Mehr als ein halbes Jahrhundert meines Lebens habe ich hier verbracht!“

Schnell setzten sie ihren Weg fort zum Büsenbachtal,  begleitet von dem betörenden Duft der blühenden Heide. Rauf auf den Katzenberg, wieder eine kleine Rast auf der Bank, in der immer noch der Name einiger Verehrer Lina Carstensens umrahmt von Herzen eingeritzt waren. 

„ Wenn wir hier den Berg hinunterlaufen, gelangen wir an den Ort, dessen Geschichte ich Euch erzählen will…….

Laut schreiend liefen sie den Katzenberg hinunter, um ihre Neugier zu stillen.

Sie kamen an ein großes verkohltes Jägerzauntor auf dem stand:

„ Ick leev wat fien is

  wenn`t ok nich mien is

  wenn`t ok nich mien warn kann

heff ick doch mien Freid doran.“

Und jetzt begann Lina Carstensen zu erzählen.

Hier ist vor 50 Jahren ein Kindererholungsheim abgebrannt. Mein Vater ist mit mir auf dem Fahrrad hinunter ins Dorf gesaust, um die Feuerwehr zu holen, die aber viel zu spät kam, um es zu löschen. 

Mein Bruder, dem das Heideland gehörte, ließ sich hier nie blicken. Er lebte mit seiner Familie weit weg in der Göhrde, und bekam von alldem nichts mit.

Mein Vater starb viel zu früh. Er konnte zu Lebzeiten nicht dafür sorgen, dass mir mein Erbanteil überschrieben wurde. Meine Mutter gab sich in dieser Hinsicht  keine Mühe, ihrem Kronensohn ins Gewissen zu reden. 

So bleibt mir nur noch die Erinnerung an eine wunderbare Kindheit, Jugend, und eine gute Zeit mit meiner Familie………  

( © Monika Zelle 12.04.2022 )

Fleißige Bienchen

Fleißige Bienchen

Er schweigt.

Sie ist verzweifelt.

Bleibt stehen.

Fotografiert ihre Heimatstadt.  

Zur Erinnerung für die Kinder, wenn sie einmal nicht mehr ist. 

Er rennt vor.

Hasst es, wenn sie stehen bleibt.

Friert, weil er sich nie warm genug anzieht.

Da kann sie reden…….

„ Mal wieder einen Fehler gemacht! Zuviel auf ihn geachtet.

Er lässt sich nicht gerne gängeln. Friert halt lieber.“

Menschen treiben vorbei.

Verkaufsoffener Sonntag.

Sie schlägt wieder zu

In ihrem Modelädchen.

Die Verkäuferinnen schwirren wie Bienen um sie herum, und reden auf sie ein.

Sie weiß schon was zu ihr passt, jedenfalls besser als die fleißigen Bienchen.

Er sitzt auf dem Stuhl vor den Umkleidekabinen.

Schaut gleichgültig.

Fängt ein Gespräch mit einer Verkäuferin an.

Da kann er reden. 

„ Es ist gut, dass ich meiner Lust frönen kann, meine Ersatzbefriedigung!“

Sie probiert an, probiert aus.

Dreht sich vor ihm.

Er scheint teilnahmslos.

Es ist ihm egal, was sie kauft. 

Er sagt nichts.

Nicht einmal zu den 200,00 Euro, die sie auf den Kopf haut.

„ Warum bin ich noch mit ihm zusammen. Weil er mir alle Freiheiten lässt?

Sich nie irgendwo einmischt? Ich machen kann was ich will?

Will ich das wirklich? 

Die anprobierten nicht gekauften Kleider hängen an der dafür vorgesehenen Stange.

Er sitzt immer noch auf seinem Stuhl. Starrt und schweigt.

Die Verkäuferin hat wohl ihr Interesse an ihm verloren. 

Was kann er der auch schon erzählt haben. Höchstens einer seiner banalen Witze.

Unterhaltsam kann er sein. Ja……..

Aber nur mit Freunden oder Fremden. Sehr unterhaltsam sogar.

Ihr Einkauf ist getätigt.

Vollbepackt stehen sie im Regen. Es schüttet wie aus Eimern, Hamburger Wetter eben…..

Sie beschließen, in ein Restaurant in unmittelbarer Nähe des Modelädchens essen zu gehen.

Der Kellner wie immer einen flotten Spruch auf den Lippen.

Er schlingt und schweigt.

„ Traut er sich nicht, mit mir zu sprechen? 

Was ist nur aus uns geworden, oder war es schon immer so? Habe ich es nicht bemerkt?

Kinder, Küche, Computer und Mutter, das war meine Welt!“

Hatte er zu wenig Raum in meinem Leben?

Er hat für sie gesorgt. Für sie und die Kinder.

Vielleicht hat er auch eine Geliebte. Dachte sie zumindest. Zuzutrauen wäre es ihm.

Soll das jetzt alles gewesen sein? Oder kommt da noch was?

„ Ich bin noch so lebenshungrig, tanzwütig, reiselustig!!

Möchte in die Ferne schweifen, und bin mir doch nicht nah!“

Ihm auch nicht.

Wann haben wir uns das letzte Mal richtig geliebt. Ja, wann……..

( © Monika Zelle 05.04.2022 )